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Wahrhafte Begegnungen im Zeitenwechsel

Kürzlich hatte ich an einem Tantra-Seminar teilgenommen. Oft wird angenommen, dass es bei solchen Seminaren lediglich um Sex ginge und es sich bei solch einer Veranstaltung im schlimmsten Fall um Gruppensex bei Räucherstäbchen handelt.

Um diesem Missverständnis vorzubeugen, sei gesagt, dass es bei einem seriösen tantrischen Workshop oder Seminar zu mehr als 90% um bioenergetische Arbeit geht und der Rest – wenn überhaupt – sexuelle Handlungen sind.

Warum beschäftige ich mich mit Tantra?

Jeder von uns hat mehr oder weniger intensiv mit anderen Menschen zu tun. Da gibt es geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die den Umgang regeln und es gibt solche, die ganz individuell sind. Unter den individuellen gibt es wiederum solche, die uns bewusst sind und solche, die unbewusst sind. In jedem Fall richten wir uns nach diesen Regelungen und sind mehr oder weniger damit einverstanden.

Auf der anderen Seite haben wir auch unsere Wünsche. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich stoßen wir dabei oft an Grenzen, weil wir uns nicht trauen, diese Wünsche zu äußern. Je mehr diese Wünsche allgemein oder individuell tabuisiert sind, desto mehr keimt in uns die Angst vor Abweisung auf.

Besonders in unseren modernen Gesellschaften sind Wünsche und Bedürfnisse sexueller Natur mit Tabus belegt. Es klingt paradox, aber der größte Traffic im Internet fällt heutzutage auf Seiten mit pornographischem Inhalt, während wir uns im Alltag eher prüde begegnen.

Dieses Paradox beeinflusst natürlich unsere Lebenspartnerschaft, unsere Liebesbeziehungen, Freundschaften. Offenbar gibt es viele unerfüllte Wünsche und Begierden, mit denen wir unsere Nächsten aus Furcht vor Ablehnung nicht konfrontieren wollen und weichen lieber heimlich auf die virtuelle Welt der Begierden aus oder suchen uns nebenbei heimlich jemanden, der oder die unsere Wünsche und Begierden befriedigt.

Der Fokus der Betrachtung liegt dabei darauf, dass es heimlich getan wird. Am besten soll es niemand wissen, was wir wirklich begehren und wünschen. Dabei trennen wir uns von uns selbst, werden uneins, unerfüllt, häufen seelischen Ballast an.

Ein Grund für dieses Paradox dürfte sein, dass wir allgemeine wie auch individuelle Tabus derart verinnerlicht haben, dass wir diese kaum oder gar nicht mehr in Frage stellen. Wir halten sie selbst dann noch für einen selbstverständlichen Teil unseres menschlichen Daseins, wenn wir in wachen Momenten feststellen, dass wir falsch leben und im Grunde doch eher dem Motto folgen sollten, das sagt: „Wer nicht begehrt, lebt verkehrt.“

Als unbestreitbare Tatsache stelle ich in den Raum, dass sexuelle Energie reine Lebensenergie ist.
„Wir leben in einem sexuellen Universum…“, schreibt Saleem Matthias Riek in seinem Buch „Herzenslust“. Da ist Anziehung, Kreativität, Liebe, Ekstase. All das gibt uns die Natur in ihren vielfältigsten Formen vor und bezieht uns dabei mit ein. Wir sind davon nicht getrennt.

Unterdrücken wir unseren sexuellen Anteil, unterdrücken wir demnach unsere Lebensenergie.
In der Chakrenlehre steigt die Lebensenergie als sexuelle Energie vom untersten Chakra aus dem Becken nach oben und verfeinert sich auf ihrem Weg durch die 7 Chakren, verwandelt sich zu Willenskraft, Liebe, Mitgefühl, Intuition, bis hin zum sogenannten kosmischen Bewusstsein, das Menschen zur Erleuchtung führt. Die sexuelle Energie ist der Urstoff des Lebens, der sich vielfältig und erfüllend verwandeln kann, sofern man mit ihm intelligent umgeht.

In der Begegnung mit anderen Menschen erfahren wir uns selbst zusammen mit dem anderen Menschen. Wir berühren gegenseitig unsere Gefühlswelt, erzeugen Emotionen und aktivieren unterdrückte „Kellergefühle“, die aus früheren Verletzungen entstanden, und die tief in uns verborgen liegende Energiefresser sind.

Wie kann man mit seinen Gefühlen, Wünschen und Begierden umgehen, so dass keine unnötigen Verletzungen entstehen, sondern Erfüllung und Ganzheit des Seins entstehen können?

Das absolut Wichtigste dürfte sein, sich selbst besser kennen zu lernen, sich mehr und mehr selbst zu verstehen und anzunehmen.
Bildlich dargestellt gehe ich dabei wachen Auges auf mich selbst zu, sage mir meine eigene Wahrheit ins Gesicht und umarme mich selbst liebevoll – so, wie eine liebende Mutter ihr Kind umarmt.
Ich mache mich damit verletzlich, ich öffne mich meiner eigenen Wahrheit ohne Mauern und nehme mich so an, wie ich bin.

Wenn mir das – nach einiger Übung – gelingt, bemerke ich, dass ich in anderen Menschen im Grunde die gleichen Bedürfnisse und Wünsche erkenne, die ich selbst habe. Ich erkenne in ihnen vergleichbare Verletzungen und Ängste.

Mich für mich selbst zu öffnen, öffnet mich auch für andere Menschen. Offenheit für mich selbst lässt auch zu, dass ich mich mehr und mehr meinen verborgenen Gefühlen widmen kann, um sie irgendwann endgültig loslassen zu können, anstatt sie weiter als Ballast mit mir herumzutragen.
Ein großes Stück Freiheit und Lebenskraft wird spürbar, die auch für andere Menschen spürbar werden.

Achtsamkeit mir selbst gegenüber ist die erste Grundregel

Achtsamkeit ist das Motto. Grundsätzlich ist es von großer Wichtigkeit, ganz dicht bei seinen eigenen, inneren Prozessen zu bleiben.
Wenn ich weiß, wie ich selbst ticke, bin ich auch empathisch gegenüber der Welt eines anderen Menschen und werde mich dementsprechend respektvoll und mitfühlend nähern und verhalten.
Was auch immer hochkommt bei Begegnungen – Gefühle, Emotionen – es gehört zu mir und es ist nicht da, um mich zu ärgern, sondern um mir zu helfen und mich zu leiten und auf diese Weise Missverständnisse und Enttäuschungen bei Begegnungen mit anderen Menschen zu vermeiden.

Viele Menschen haben gemerkt, dass die Zeit angebrochen ist, um sich zu öffnen und wahr zu werden und Liebe, Mitgefühl und Respekt miteinander zu teilen.
Die fragmentierende innere Haltung, die man vielleicht einen geistigen Materialismus nennen könnte und zu Trennung von sich selbst und anderen Wesen auf dieser Erde führt, hat immer weniger Bestand.

Ob es der Weg des Tantra ist oder ein anderer, dürfte weniger wichtig sein. Es geht darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen und innere Mauern einzureißen.
Bei diesem Prozess wird klar werden, dass sich Wahrheit, Liebe, Offenheit und Respekt auf alle Bereiche des gesamten Lebens ausweiten und diese konstruktiv transformieren.

Tonglen – Geburtshilfe für Mitgefühl

Mitgefühl und Selbstmitgefühl stärken
male hands holding girlfriend hands. Care and love concept


Tonglen ist seit etwa 1000 Jahren eine Meditationspraxis des tibetischen Shambala-Buddhismus. Übersetzt bedeutet Tonglen Geben und Nehmen, bzw. Aussenden und Annehmen. Die Praxis nutzt den Atem, um Glück zu geben und Leid zu nehmen.

Das Prinzip Tonglen sollte nicht als energetisch übersinnlicher Trick verstanden werden, der spontane Veränderungen im Außen zeitigt. Es geht bei dieser Technik alleine um die schrittweise Schulung und das Training des Geistes, was langfristig zu einer echten inneren Entwicklung und Reife führt. Bei dieser Praxis geht es um die Entwicklung von Mitgefühl, Empathie und Herzenswärme. In jedem Fall bewirkt Tonglen im eigenen Bewusstsein die Entwicklung heilsamer Geisteszustände und wirkt sich dementsprechend in der Folge auf das eigene Denken, Fühlen und Handeln aus. Durch die Visualisierung von Schmerz und Leid wird das Sich-Berühren-Lassen gestärkt und die Fixierung auf das eigene Ego wird verringert. Selbstverständlich geht es nicht darum, sich mit dem Einatmen von Schmerz und Leid selbst zu belasten. Es geht vielmehr darum, die eigene Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit und Abgrenzung gegenüber anderen Lebewesen (oder gegenüber sich selbst) zu verringern und sie in Mitgefühl umzuwandeln und das zukünftige Handeln in eine heilsame Form zu verändern. Das übende Bewusstsein wird daraufhin Mittel und Wege suchen und finden, um heilsame Impulse in die Tat umzusetzen. Die Übung des Tonglen nutzt also sowohl der Verbesserung des eigenen empathischen Bewusstseins, als auch anderen Lebewesen, die in der Folge mit dem Übenden in Kontakt kommen.
Eine Falle besteht darin, nur das eigene Leiden in den Fokus der Übung zu stellen und nur dieses eigene Leiden transformieren zu wollen. Der Sinn der Übung besteht aber darin, alle Wesen in den Wunsch nach Glück, Freude und Freiheit von Leiden einzubinden. Das entspricht dem Grundgedanken, dass Wesen nicht voneinander getrennt sind, und dass Glück nichts Exklusives ist. Das Einatmen des Leidens soll nicht als etwas Belastendes empfunden werden. Belastend wird es, sobald ich mich gegen das Leiden wehre und mich davor fürchte. Vielmehr sollte die Vorstellung des Leids als eine Kraft verstanden werden, die mein eigenes Ego auflöst, mich befreit, leichter, offener, mitfühlender und liebevoller macht. Ich öffne mich für alles das, was ist ohne mich dagegen zu wehren. Diese mitfühlende Offenheit und Akzeptanz bewirkt die Entstehung hellen Lichtes, das ich während der Übung an alle Wesen – einschließlich an mich selbst – sende.

Einatmen: man stellt sich vor, dass Schmerz oder sonstiges Leid in Form etwas Dunklem an das eigene Herz herangeführt wird.

Ausatmen: man stellt sich vor, dass helles Licht vom Herzen ausgeht und dorthin gelangt, wo es benötigt wird, um Schmerzen zu lindernoder sonstiges Leid aufzulösen.

Tonglen bei Pro-Nutrimentum:
Termine zur Anleitung und zum Üben von Tonglen und anderen Meditationstechniken findest Du auf meiner Webseite unter
https://pro-nutrimentum.de/Aktuelles/kurse%20und%20seminare.html


Einige Textauszüge aus dem Buch Tonglen von Pema Chödrön

„Wenn wir uns überwältigt fühlen, heißt das oft, dass unsere Aufmerksamkeit sich vom Schmerz des anderen verlagert hat hin zu unserer eigenen Furcht vor der gleichen Art von Schmerz.“

„Das ist in der Tat die Essenz der Achtsamkeitspraxis: immer wieder in die Unmittelbarkeit unserer gegenwärtigen Erfahrung zurückkehren und alles Nachdenken und Urteilen darüber loslassen.“

„Sie könnten auch an einen persönlichen Besitz denken, der Ihnen viel Freude bereitet […] und sich dann vorstellen, dass Sie diese Dinge Menschen schenken, denen Sie begegnen.Bei dieser Übung geht es tatsächlich nicht darum, etwas wegzuschenken, denn Sie arbeiten ja auf der Ebene der Imagination. Aber die Übung macht Sie aufmerksam auf Ihre Gewohnheit, an Dingen festzuhalten, sich zu verschließen und nicht mit anderen teilen zu wollen.“

Mitgefühl, Mitleid und Empathie

Im üblichen Sprachgebrauch werden Mitgefühl und Mitleid oftmals als gleichbedeutend verwendet. Dies ist aber nicht korrekt.
Empathie wird oft als innere Haltung irgendwo zwischen Mitgefühl und Mitleid angesiedelt.

In der buddhistischen Psychologie werden die Begriffe und ihre Bedeutung sehr genau getrennt.

Mitgefühl hat zwei Aspekte. Der eine Aspekt entspricht einer bedingungslosen, inneren Haltung, die von der Fähigkeit gekennzeichnet ist, sich in andere Wesen einzufühlen, also deren Situation und Befinden zu erfühlen und zu verstehen und sich mit anderen Wesen verbunden zu fühlen. Es entspricht einer akzeptierenden und gleichmütigen Haltung.
Der andere Aspekt ist die Motivation helfen zu wollen und dies auch zu tun. Ein besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, die Ursachen zu erkennen und zu behandeln.

Mitleid ist eine Emotion des Bedauerns über eigenes Leid und über das Leid anderer. Es erzeugt ein Gefühl der Überlegenheit und Getrenntheit und ist nicht selten Auslöser von Arroganz. Hilfreich ist es in keinem Fall, da es darüber hinaus hilfreiche Impulse blockiert und Leid unter Umständen sogar verstärkt. Begleiter von Mitleid können Wut und Zorn auf die Leid verursachenden Umstände sein.

Empathie ist weder eindeutig Mitgefühl, noch ist es eindeutig Mitleid. Empathie liegt dazwischen, da zwar Einfühlungsvermögen vorhanden ist, dem aber nicht zwangsläufig eine Handlung folgt. Empathie kann durchaus Züge des Mitleids annehmen.


Quellen dieser Betrachtung sind eineseits Erklärungen aus der buddhistischen Psychologie und andererseits von mir zusammengefasste Inhalte, die zum Thema „Mitgefühl in Alltag und Forschung“ von der Max-Planck-Gesellschaft veröffentlicht wurden (https://de.scribd.com/doc/243668976/mitgefuehl-in-alltag-und-forschung-pdf)