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Meditationspraxis: heiße und kühlende Langeweile

Langeweile ist etwas, das unser Geist überhaupt nicht mag. Für ihn ist es die reine Folter.
Weil wir seine Qualen kennen und spüren, haben wir uns darauf eingerichtet, ihm immer genug Unterhaltung und Abwechslung zu bescheren, schließlich ist die Welt nicht erst seit der Machtübernahme durch das Smartphone bunt und bewegt.

Ausgerechnet jetzt, wo ich mich 24 Stunden am Tag mit Reizen satt füttern lassen kann, tauchen verstärkt seltsame Menschen auf, die uns die Quelle der Langeweile schmackhaft machen wollen.
Sie reden von Meditation, innerer Einkehr, Selbsterkenntnis, innerem und äußerem Frieden und Entspannung – lauter Begriffe, die so gar nicht zum quirligen Treiben unserer Jetztwelt passen wollen. Eine recht kantige Sache mit solch weichgespülten Versprechen.

Als ich vor vielen Jahren mit Meditation begann, habe ich bereits nach zehn Sitzminuten die formatfüllende Tragweite von „heißer Langeweile“ erleben dürfen. Mein Geist lief Amok! Er präsentierte mir Erinnerungen, phantastische Geschichten und prächtige und bunte Zukunfstpläne.
Die Anweisung meines damaligen Yogalehrers, mich auf meinen Atem zu konzentrieren, verschwand im Nu unter einer Lawine von Gedanken und Gefühlen.

Es sollte Jahre dauern, bis ich mich zu einem neuen Versuch mit Meditation entschließen würde. Es war die Zeit der 80er-Jahre in Osho’s Ashram in Oregon, wo wir täglich in Gruppen stille und dynamische Meditationstechniken übten. Wahrscheinlich ist es der Gruppendynamik zu verdanken, dass ich bei der Stange blieb und mir einige „Erfolge“ gelangen, die Barriere der Langeweile zu überwinden und in tiefere Ebenen meines Geistes vorzudringen.

Aber auch in diesen, mir bis dahin noch unbekannten geistigen Ebenen, gab es eine Art von Langeweile, die sich deutlich von der Enge und Beklommenheit früherer Erfahrungen unterschied und eher eine erfrischende Form von „Langeweile“ ist. Ich erlebte sie als eine weiche, warme und zarte Ruhe, in der nichts störte. Die Befremdlichkeiten und Dissonanzen aus meiner gewohnten äußeren Welt, hatten hier keine scharfen Kanten, alles floss harmonisch und rund ineinander.
Die Erfahrung dieser Meditationen hinterließ in der Zeit danach einen Nachhall, den ich heute als das Erwachen von Mitgefühl bezeichne, das sich nicht auf irgendetwas oder irgendjemanden beschränkt, sondern nach allen Seiten strahlt.

Es ist nicht immer so geblieben. Es gab und es gibt immer wieder „Rückfälle“ in alte und begrenzende Gewohnheiten, die aus diesem geistigen Konstrukt aus Erinnerungen, Verletzungen und Überzeugungen genährt werden, die man gemeinhin „Ego“ nennt.
Dennoch, die konsequente Praxis der Meditation führt dazu, dass „Ego“ transparenter wird. Es verliert durch diese Transparenz seine Maske und wird immer deutlicher als das erkennbar, was es tatsächlich ist: eine gewohnte Vorstellung ohne wirkliche Substanz.

Meditation ist, wenn man sich endlich mal dazu aufgerafft hat, keine „Instant-Pille“, die man nur einmal nimmt und glaubt, dass alles getan ist.
Meditation ist eine wirkliche Herausforderung, die man mit der Besteigung eines Gipfels vergleichen kann. Das Hindernis der anfänglichen Langeweile, welche die Phantasie für Ausflüchte beflügelt, kann einem den Mut nehmen. Der zunehmend weiter werdende Ausblick auf die eignene faszinierende innere geistige Landschaft aber belohnt über alle Maßen, sofern man dran bleibt!

Im tibetischen Buddhismus gibt es den Begriff „Maitri“. Zusammenfassend beschreibt er die wohltuenden Eigenschaften, die durch die Praxis der Meditation entwickelt und gestärkt werden: Liebe, Mitgefühl, Loyalität, Freundlichkeit, Sanftmut, Standhaftigkeit, Ausdauer, Konzentration und Gleichmut und in Kombination aller Eigenschaften, ist es ein Weg zu innerem und äußerem Frieden…